Älterwerden im Kiez
Konzept der Gruppe PDF Drucken E-Mail
Donnerstag, 17. März 2011 um 14:18 Uhr

Die Projektgruppe
Alt werden – jung bleiben im Kiez“
ist eine unabhängige Initiative von interessierten Kiezbewohner/innen, die im Dreigroschenverein angesiedelt ist.
Der Dreigroschen-Verein  stellt eine Plattform dar, für Aktionen und Projekte im Kiez.
Auszug aus der Satzung des Vereins:
„Zweck des Vereins ist der Aufbau und die Pflege solidarischer Strukturen im Stadtteil, die Förderung generationsübergreifenden, nachbarschaftlichen, interkulturellen und selbst bestimmten Zusammenlebens im Wohnquartier und die Rückeroberung des öffentlichen Raumes für die Bewohner.“
Sitz des Dreigroschen Vereins:
Willibald-Alexis-Strasse 6
10965 Berlin
Telefon: 030 814 92 504
Fax:        030 698 16 359
e-mail: kontakt(at)dreigroschen-verein.de
Web: www.dreigroschen-verein.de


1. Selbstverständnis
Die Mitglieder der Initiative „Alt werden – jung bleiben im Kiez“ verbindet die Vision von einem lebenswerten, lebendigen, generationsübergreifenden, solidarischen Älterwerden im Kiez.
Die Gruppe setzt sich zusammen aus Personen die überwiegend seit mehreren Jahren und  zum Teil Jahrzehnten im Umfeld des Chamisso- bzw. Marheinekeplatzes wohnen und arbeiten.
Die soziale Entwicklung im Bezirk, wobei die Wohnquartiere  in der Bergmannstrasse und um den Chamisso- und  Marheinekeplatz, aktuell eine „sozioökonomische Aufwertung“, erfahren, betrachten wir sehr aufmerksam und differenziert

Die Fragen und Befürchtungen, die sich durch die Veränderungen zwangsläufig ergeben, nehmen wir als Herausforderung an, gesellschaftspolitisch Position zu beziehen.

Für uns bedeutet nämlich die Aufwertung des Kiezes nicht ausschließlich einen besseren Platz im Sozial-Atlas, sondern die Stärkung eines lebendigen Gemeinwesens durch solidarische Strukturen und  das Verknüpfen von sozialen Netzwerken und Initiativen, die der Vereinzelung der hier lebenden Bürgerinnen und Bürger entgegenwirken.
Unsere Befürchtung jedoch ist, dass in unserer Wohngegend immer mehr Bewohner/innen verdrängt werden, nicht mithalten  können mit steigenden Mieten, teureren Einkaufsmöglichkeiten und dem immer einseitiger werdenden  Angebot von auf  Touristen  fokussierten Restaurants und Bars.
Die politische Vergangenheit dieses Kiezes ist geprägt durch Häuser-Instandbesetzungen gegen Spekulation und Leerstand in den frühen 80ern und darauf folgend durch eine flächendeckende behutsame Sanierung der denkmalgeschützten Altbauten unter Mietermitbestimmung. Unser Ehrenvorsitzender Werner Orlowsky war der damalige Kreuzberger Baustadtrat und hat diese bürgernahe Sanierung mit Modellcharakter für die Internationale Bauausstellung Berlin 1987 politisch durchgesetzt. Durch diese Mieter orientierte Sanierung entstand unter den Bewohnern eine starke Identifizierung mit ihrem Kiez und Strukturen und Zusammenhalt untereinander, der bis heute anhält.
In dieser Tradition setzen  wir uns ein für Lebensbedingungen, die allen sozialen Schichten und Herkunfts-Kulturen weiterhin Platz bieten und ein generationsübergreifendes, solidarisches  Zusammenleben in unserem Kiez ermöglichen und fördern.
Barrierefreiheit begreifen wir sowohl als bauliche, soziale und kulturelle Forderung und setzen uns in diesem Sinne für die Gestaltung des Chamissokiezes zu einem barrierearmen Modellbezirk ein.
Wir sind politisch unterschiedlich geprägte, aktive Menschen, die sich den Herausforderungen eines so genannten Generationswandels stellen, sich kommunal einmischen und ihre Ideen und Vorstellungen für neue Lebensformen im Alter gemeinsam entwickeln und umsetzen wollen, gemäß dem Motto: „ Selbst bestimmt und autonom bis ins hohe Alter leben!“
Die Altersstruktur der Gruppe ist breit gefächert, von Anfang Vierzig bis Mitte Siebzig.

Bestandsaufnahme
Allgemein ist festzustellen, dass die Frage zur Lebensqualität im Alter immer mehr die öffentliche Diskussion bestimmt. Begriffe wie „Demografischer Wandel“, „Generationsübergreifende Wohnformen“, „Soziale Netzwerke“ und „Nachbarschaftliches Engagement“ sind gesellschaftspolitische Themen unserer Zeit.
Laut Tagesspiegel vom 12.8.2009 wird im Jahr 2030 jeder vierte Berliner älter als 65 Jahre sein – sechs Prozent mehr als heute.
Noch drastischer steigt die Zahl der über 80-Jährigen: Fast doppelt so viele wie heute werden in etwa 20 Jahren in Berlin leben – nahezu 260.000 Menschen.
(Statistische Angaben siehe Anhang)


3. Ziele und Perspektive
Unsere Vision eines lebenswerten, barrierearmen, bezahlbaren, kommunikativen Wohnumfeldes für alle Altersgruppen wollen wir umsetzen im


Modellprojekt Chamissokiez

Wohnqualität ist Lebensqualität:
Wir setzen uns ein für:
- Seniorenfreundlicher Umbau von Erdgeschosswohnungen
- Barrierefreiheit
- Fahrstühle an Häusern
- Mietbegrenzung – keine neuen Mietverträge bei altersbedingtem Umzug
- im gleichen Haus
- Bezahlbare Mieten (kein Ausverkauf an Investoren, Bestandsschutz für Altmieter)

Rückgewinnung des öffentlichen Raumes

- Tempo 30 im Kiez
- Barrierefreiheit durch Absenkung der Bürgersteige
- Aufzug U-Bahnhof Gneisenaustrasse
- Umgestaltung des Marheinekeplatzes

Gemeinsames Leben gestalten -  Aktivitäten teilen –
Initiierung kultureller, politischer und sportlicher Aktivitäten

- Eröffnung eines Salons im Wasserturm
von uns initiiert und organisiert, öffentliche Diskussionsrunden mit Referenten zur - - - Entwicklung der Sozialstruktur und Mieten im Wohnquartier
- Angebote für bildungspolitische Seminare für jung und alt
- Literatur-Abende
- Boule- und Tischtennis (Gruppe besteht bereits)
- wöchentliches walken in der Hasenheide (fester Termin)
- Ausflüge ins Umland organisieren

Soziales Netzwerk aufbauen – Bürgerschaftliches Engagement stärken

- wir nutzen Räume im Wasserturm e.V.
- wir kooperieren mit Wohnungsbaugesellschaften, Initiativen und Vereinen im         Wohngebiet
- wir wenden uns mit Vorschlägen und Forderungen an Bezirksverwaltung und  politische Parteien
- wir entwickeln Kontakte und Austausch zu Modellen, Projekten und Initiativen, die ähnliche Ziele verfolgen (Tauschringe, Bielefelder Modell, u.a.)


3.3. Perspektive

Mit der Umsetzung des Modell-Projektes Chamisso-Kiez zu einem barrierearmen, generationsübergreifenden, nachhaltigem Wohnfeld mit und für die AnwohnerInnen tragen wir zu einem zukunftsfähigen, tragfähigem Image für den Kiez bei.
Damit wird ein alternatives Modell in der Stadt geschaffen, dass mit vielfältiger Sozialstruktur und einem solidarischem Netzwerk, bürgerschaftliches Engagement als Selbstverständnis lebt.
Die Bereitstellung eines Bürgerhauses als Kommunikationszentrum für den Kiez ist das gemeinsame, angestrebte Ziel der Initiative „Alt werden – jung bleiben im Kiez“ und des Vereins Dreigroschen e.V.

 
Brief an Dr. Franz Schulz PDF Drucken E-Mail
Donnerstag, 09. Juli 2009 um 08:02 Uhr

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,

als langjährige  Bewohnerinnen des Chamisso-Kiezes, die sich u.a. im „Dreigroschen e.V.“ engagieren, wenden wir uns an Sie.

Der Verein „Dreigroschen e.V.“ ist ein Zusammenschluss von aktiven Menschen, die Nachbarschaftsengagement zeigen und Kiezinitiativen unterstützen  und nun – gebündelt im Verein  - zur Förderung solidarischer Strukturen beitragen wollen.

Wir gehören der Projektgruppe „Älterwerden im Chamissokiez“ an, die nach Perspektiven für ein selbst bestimmtes Wohnen und lebenswertes Älterwerden im Kiez sucht,  denn auch wir wollen im Alter hier leben, wohnen, feiern und den Kontakt zu den Nachbarn behalten.

Dass wir mit unseren Vorstellungen vom Älterwerden im Kiez nicht allein da stehen, hat uns das große Interesse vieler Anwohner beim diesjährigen Frühlingsfest am Chamissoplatz gezeigt. Eine Vielzahl von Besuchern stellt sich ähnliche Fragen und ist in Sorge über ein isoliertes Altwerden und eine anonyme Unterbringung im Heim.

Daher verfolgen wir mit großem Interesse die Entwicklung um das ehemaligen Richard-Weiß-Seniorenheimes in der Fidicinstraße.

Leider erleben wir dabei wie mühselig es ist, offizielle Informationen zu erhalten, bzw. diesen hinterher rennen zu müssen.

Nach unseren Recherchen ist im Rahmen einer Übertragungsvereinbarung zwischen dem Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg und der Unionhilfswerk Senioren-Einrichtung gGmbH, vereinbart, am Standort Fidicinstr. eine ausschließliche Pflegeeinrichtung mit ca 200 vollstationären Plätzen zu errichten.

Wir sind entsetzt über dieses Vorhaben und finden es unverständlich, dass  Planung und  Konzept für solch ein großes Projekt in unserem Kiez den Bürgern nicht öffentlich vorgestellt und diskutiert worden sind. 

Anhand der schriftlichen Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen vom 18.05.09 an die BVV zum Projekt Unionhilfswerk Fidicinstrasse konnten wir entnehmen, dass es keine Vorgaben gegeben hat, altersgerechtes Wohnen in den Komplex Fidicinstr. zu integrieren.

Die Begründung, dass integriertes altersgerechtes Wohnen aufgrund der Rahmenbedingungen nicht möglich sei, weil dort die benötigten Flächen nicht vorhanden wären, ist uns unverständlich und wir wollen diese Aussage – insbesondere da es sich um ein sehr großes Grundstück handelt, nicht kommentarlos hinnehmen. Welche Rahmenbedingungen sprechen wirklich dagegen?

Es gibt sowohl Deutschland weit, als auch in Berlin genügend Beispiele, wo auch bei sta-tionärem Aufenthalt ein altersgerechtes Wohnen möglich ist und bei Pflegebedürftigen eine Unterbringung mit wohngemeinschaftsartigen Gruppengrößen und ärztlicher Versor-gung im Heim (Berliner Modell) durchaus erfolgreich praktiziert wird.

Aktuell wird  in der breiten Öffentlichkeit und kürzlich auch in den Medien (TV „Hart aber fair“) altersgerechtes Wohnen als ein wichtiges Thema behandelt,  über das regelmäßig informiert wird.

Große Pflegeheime, wie das bei uns geplante, werden mehr als kritisch eingestuft, sowohl von Betroffenen als auch von den dort Beschäftigten.

Wir möchten die Lebensqualität von alten und kranken Menschen verbessern, d.h. wir wollen

Einblick in die Planung und nehmen es nicht geräuschlos hin, wenn ein Bezirk wie Kreuzberg die Möglichkeit zu zukunftsweisenden Altenwohnkonzepten zugunsten einer 70er-Jahre-Pflegegroßheimplanung vergibt.

Nach unserer Kenntnis ist die Baugenehmigung noch nicht erteilt, wir bitten Sie, dieses Vorhaben zu stoppen und eine transparente Planung durchzuführen.

Wir hoffen auf eine baldige Antwort und sind zu einem persönlichen Gespräch gern bereit.

Mit freundlichen Grüßen
Ines Schröder-Sprenger