Beispiel Markthalle macht Schule… PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Pitt   

Januar 2009

Gegenüber der Marheinekehalle hatte voriges Jahr der dortige Bio-Markt den barrierefreien Eingang des Vormieters "Plus" in der Friesenstrasse geschlossen und den Haupteingang um die Ecke an die stärker frequentierte Bergmannstrasse verlegt. Dort empfängt den Kunden seitdem hinter einer automatischen Schiebetür eine 5-stufige Treppe! Um der Berliner  Bauordnungsvorschrift nach Barrierefreiheit*  nachträglich mit dem nötigsten Minimum genüge zu tun, hat man inzwischen „nachgebessert“ (BGMarkthalle lässt grüßen). Ein Feldversuch vor Ort hat unsere Befürchtungen bestätigt…

*BauO Bln §51 (2):"Bauliche Anlagen, die öffentlich zugänglich sind, müssen so errichtet und instand gehalten werden, dass sie von Menschen mit Behinderungen, alten Menschen und Personen mit Kleinkindern über den Hauptzugang barrierefrei erreicht und ohne fremde Hilfe zweckentsprechend genutzt werden können..."

 Haupteingang Bio-CompanyNebeneingang Bio-Company

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Tatort Bio Company, Friesenstr. 1/Bergmannstrasse:
Ich bewege mich in meinem Rollstuhl auf den Haupteingang Bergmannstrasse zu; noch bevor ich den neuen Klingeltaster (s. Foto) berühre, öffnet sich automatisch die Schiebetür (so eine haben wir uns für alle Eingänge der Markthalle immer gewünscht!). Dahinter werde ich mit 5 Stufen konfrontiert, auf denen links 2 aalglatte Metallschienen mit ca. 45% Steigung sowie daneben ein Geländer montiert sind.

Mein Klingeln ist deutlich zu hören. Während ich vor der Treppe warte, bleibt die Tür automatisch geöffnet und lässt den eisigen Wind von draussen hereinziehen.
Ein Vater mit einem schnittigen 3-rädrigen Kinderwagen will den Laden betreten und erkennt sofort die Situation: „Da komme ich mit meinen 3 Rädern nicht hoch.“
„Ich mit meinen vieren auch nicht“, entgegne ich schmunzelnd.
Er vermittelt seinem Nachwuchs, dass er ihn nun leider aus seinem gemütlichen Nest herausholen muß, um ihn nach oben zu tragen.
Der quittiert das mit lautem Protest, der sogar mein zweites Klingeln übertönt.
Eine junge Mutter gesellt sich dazu, ebenfalls mit Kinderwagen (4 Räder), und teilt mir mit, dass es in der Friesenstrasse noch einen Eingang gibt, der ebenerdig sei. Dort sei auch eine Klingel und da würde man mich reinlassen.

Ich rolle um die Ecke und sehe mir das an.
Die frühere automatische Schiebetür von „Plus“ ist jetzt ersetzt durch eine manuelle Drehtür mit Sicherheitsschloß und Klingel daneben (s. Foto). Während ich fröstelnd den Taster drücke, stelle ich fest, dass die Tür einen Spalt offen steht; mit einem strammen Ruck reiße ich sie nach außen auf und rolle ins Warme.

In dem Moment erscheint drinnen ein freundlich blickender Herr in einem weißen Kittel mit der Aufschrift Bio Company auf der Brust.
Er wollte mir gerade helfen und wundert sich, dass die Tür geöffnet war.
Ich frage: „Warum lassen Sie sie nicht immer geöffnet, dann bräuchte ich nicht klingeln und draußen in der Kälte auf Hilfe warten?“
„Was glauben Sie, würde dann an Ware da rausgetragen?!“
„Früher war hier ein barrierefreier Haupteingang, warum haben Sie denn den verlegt?“
„Nein, das war von Anfang an so.“
„Bei Ihrem Vormieter Plus nicht.“
„Ach ja, bei Plus, das stimmt. Aber unsere Planer hatten am Eingang in der Bergmannstrasse eine Rampe vorgesehen. Die wurde dann hinterher nicht genehmigt, weil sie den Bürgersteig beeinträchtigt hätte...“

In der Tat, eine Rampe über 5 Stufen mit der vorgeschrieben Steigung von max. 6% hätte mitten auf der Bergmannstrasse geendet...
Beim Sinnieren über Motive und Ausbildungsstand der Bio-Company-Planer – sind es womöglich dieselben wie bei der Markthalle? - vergesse ich meinen Einkauf.
Ich will den Laden wieder verlassen, aber jetzt ist die Tür verschlossen und innen finde ich keine Klingel.
Ich mache mich auf die Suche nach dem Herrn im weißen Kittel, der inzwischen wieder seiner Arbeit nachgegangen ist. Nach ein paar Regalumrundungen finde ich ihn und frage, wie ich denn jetzt wieder rauskomme.
Antwort: Ich bräuchte nur beim Bezahlen an der Kasse Bescheid sagen, dann würde man mir weiterhelfen.
„Ich habe nichts zu bezahlen, ich habe leider nicht das gefunden, was ich gesucht habe“, schwindle ich ungelogen.
Er schließt mir die Tür wieder auf und entlässt mich nach draussen, jetzt mit nicht mehr ganz so freundlicher Miene…

Fazit: Ökologie und Ökonomie sind vereinbar, aber nicht unbedingt sozialverträglich.
         Umsatzsteigerung und Schutz vor Warenklau stehen über dem Gesetz und
         sind höherwertige „Güter“ als Barrierefreiheit.